Nachbarschaft

Seyran Ateş – Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee

Annabel von Gemmingen . Artikel aus dem degewo-Magazin stadtleben 1/2018

Sie wird beschimpft und bedroht – und lässt sich nicht einschüchtern: Seyran Ateş macht den Mund auf, wenn andere aus Angst schweigen.

Moabit in diesem Winter: Ehe Seyran Ateş den Begegnungsraum dieser Moschee betritt, tun es drei bullige Typen mit Knopf im Ohr. Wenig später erscheint die Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin, Buchautorin und angehende Imamin. Die Frau mit den kurzen, grauen Haaren und den funkelnden Augen wirkt entspannt. Nicht wie jemand, der rund um die Uhr von Personenschützern bewacht werden muss.

Seit die 54-Jährige im Juni 2017 mit Gleichgesinnten die liberale „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee“ eröffnet hat, in der Frauen und Männer gemeinsam beten, bekommt sie Morddrohungen. Aber klein beigeben? „Nicht wenn ich die Notwendigkeit sehe, dass bestimmte Dinge ausgesprochen werden“, sagt sie. Acht Jahre lang habe sie mit allen möglichen Menschen über die Idee einer liberalen Moschee gesprochen. Immer hat sie gehofft, einer der Gesprächspartner möge sie umsetzen. „Als das nicht geschah, musste ich es eben selbst machen!“, sagt sie, lacht und zuckt mit den Schultern. „Den Gegenwind muss man aushalten. Das können nicht viele.“

Jeder einzelne Fall, bei dem ich dazu beitragen konnte, dass eine Frau selbstbestimmter leben kann, macht mich glücklich.

- Seyran Ateş, Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee

Ateş Geschichte ist die eines Gastarbeiter-Kindes. Als sie sechs Jahre alt ist, zieht ihre Familie von Istanbul nach Berlin. Oft wird sie zu Hause geschlagen und beschimpft – weil sie ungehorsam sei. Mit 17 erträgt sie den Spagat zwischen den häuslichen Zwängen und ihrem freiheitlichen Leben in der Schule nicht länger, wo sie als Überfliegerin gilt und Schulsprecherin ist. Sie haut ab. Fortan lebt sie in Wohngemeinschaften, macht ihren Schulabschluss und beginnt nach einem Ausflug in die Hausbesetzerszene ein Jurastudium. Nebenbei jobbt sie in einer Kreuzberger Beratungsstelle für türkische Frauen, die unter anderem Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. 1984 erschießt dort ein Mann eine ihrer Klientinnen. Ateş wird lebensgefährlich verletzt. Die angehende Juristin braucht sechs Jahre, um sich von den Folgen des Attentats zu erholen. 1997 legt sie ihr zweites Staatsexamen ab, macht sich einen Namen als Rechtsanwältin, die sich gegen Kinderehe, Ehrenmord und für das Berliner Neutralitätsgesetz einsetzt – im Volksmund: das Kopftuchverbot für Mitarbeiter im öffentlichen Dienst.

„Jeder einzelne Fall, bei dem ich dazu beitragen konnte, dass eine Frau selbstbestimmter leben kann, macht mich glücklich“, sagt Seyran Ateş heute. Dass sie dabei den Hass von konservativen Hardlinern auf sich zieht, nimmt sie in Kauf. „Ich kann nicht anders“, sagt sie. „Ich merke aber auch, wenn es genug ist und das Gefahrenrisiko für mich zu groß wird. Dann ziehe ich mich für eine Weile zurück.“

Zuletzt geschehen 2009, als ihr kontroverses Buch „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ erscheint. „Aber irgendwann merkte ich: Es macht keinen Unterschied, ob du still bist oder laut“, sagt sie. „Deine Gegner haben ein Gedächtnis.“ Also beschloss Ateş, ihre Stimme wieder zu erheben. Und will das auch künftig tun: „In meiner Schreibtischschublade stapeln sich noch so einige Projekte.“

Das Fundament ist die Vielfalt

Eine Moschee die den progressiven, zeitgemäßen Islam lebt und Akzeptanz, Liebe und Verständnis für Menschen und Religionen vermitteln möchte. Regelmäßige Angebote, Veranstaltungen und Schulworkshops tragen zur Verständigung bei und leisten Aufklärungsarbeit.