Nachbarschaft

Vom Libanon nach Deutschland: Die Kiezmutter im Brunnenviertel

Janine Grube

Vier Jahre lang hat sich Mayram Fayoumi als Quartiersrätin für das Brunnenviertel eingesetzt – und selbst dabei viel gelernt. Jetzt hofft sie auf Freiwillige, die in ihre Fußstapfen treten.

Auf der Brunnenstraße rauschen Autos vorbei. Radfahrer schnaufen bei jedem Tritt in die Pedale, die Sonne scheint. Mayram Fayoumi hat ihr Kopuch in die Stirn gezogen. „Hallo!“, ruft jemand auf der anderen Straßenseite. Sie lächelt, ruft zurück: „Hallo! Wie geht’s Dir?“ Von ihrer Wohnung bis hierher zum Gemüsehändler sind es nur ein paar Hundert Meter, doch Fayoumi, 50 Jahre alt, kommt nur langsam voran.

Ständig wiederholt sich die Szene mit anderen Passanten: „Hallo! Wie geht’s?“ Mayram Fayoumi lebt seit 1996 im Brunnenviertel – mit ihrem Mann und fünf Kindern, heute 25, 23, 21, 19 und 17 Jahre alt. Doch dass jeder im Quartier sie kennt, war nicht immer so. Eigentlich erst, seit sie Quartiersrätin ist. Der Quartiersrat Brunnenstraße ist ein Gremium für Bürgerbeteiligung im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“. Es entscheidet zum Beispiel mit, wenn die Fördermittel aus dem Projektfonds des Quartiersmanagementsgebiets Brunnenstraße verteilt werden. Er hat derzeit 17 Mitglieder: Anwohner und Vertreter von Einrichtungen aus dem Kiez, etwa Schulen, Kitas und Gewerbe.

Es geht einfach darum, dass die Leute wissen, wo sie sich Hilfe holen können.

- Mayram Fayoumi

Das erste Mal hat sich Mayram Fayoumi im Jahr 2014 wählen lassen. Für zwei Jahre. Im Jahr 2016 noch einmal. „Ich liebe es, Menschen zu helfen“, sagt sie, „als Quartiersrat kann man das tun und darüber mitbestimmen, was im Kiez passiert.“ Seit 13 Jahren geht es um die Verbesserung der Lebensbedingungen im Gebiet, heute unter anderem um den Kampf gegen zu viele Wettbüros und Spielotheken in der Nachbarschaft. Dagegen würde sie sich gerne weiter einsetzen, doch seit sie im Frühjahr einen neuen Job angenommen hat, ist die Zeit knapp. Ein weiteres Mal will sie sich nicht zur Wahl stellen. „Ich hoffe aber, dass sich viele andere melden. Es ist so wichtig – und es hat mich persönlich so sehr bereichert.“

Die vier Jahre als Quartiersrätin haben sie geprägt. Manche Themen waren wichtig für die Nachbarschaft, andere haben sie persönlich berührt. Die Arbeit als Integrationslotsin etwa. 1978 war sie schließlich selbst mit der Familie aus dem Libanon nach Deutschland geflüchtet. Heute betreut sie Flüchtlinge als Integrationslotsin, begleitet sie zum Arzt, zu Ämtern, hilft ihnen mit Übersetzungen und Beistand.

Doch wirklich am Herzen lag ihr die Arbeit als Brunnenkiez-Mutter – ein Projekt des Familienzentrums Wattstraße.  Sechs Monate lang hat sie dafür jede Woche eine Schulung besucht. „Es gibt Familien im Kiez, die isoliert sind. Wenn Mütter Probleme und Fragen zur Kindererziehung haben oder gar Opfer häuslicher Gewalt werden, sind sie oft zurückhaltend und wissen nicht, wo sie Hilfe bekommen können“, erzählt Fayoumi. Nach ihrer Schulung sind sie und andere Kiezmütter durch Kitas, Schulen und Familienzentren gezogen, haben andere Frauen auf einen Kaffee eingeladen, ihnen signalisiert: Wer Hilfe braucht, bekommt bei ihnen Rat. „Es geht einfach darum, dass die Leute wissen, wo sie sich Hilfe holen können.“

Und Mayram Fayoumi hat, während sie anderen half, auch sich selbst geholfen. „Ich war auch zurückhaltend, aber nach dieser Kiezmutter-Schulung habe ich mich geöffnet“, sagt sie und lächelt, „ich habe so viele andere Menschen kennengelernt. Das gibt Selbstvertrauen.“ Auf der anderen Straßenseite läuft eine Frau. Mayram Fayoumi winkt hinüber: „Hallo! Geht es Dir wieder gut?“