Berliner
Nachbarschaft

Was Nachbarschaften leisten können!

Philipp Brandstädter, Steffi Hentschke . Artikel aus stadtleben 4/2019

Auf dem degewo-Mieterfest suchten wir nach den schönsten Nachbarschaftsgeschichten, eine Jury wählte die schönste und lud die Gewinner aus Biesdorf zu einem Segeltörn ein. Lesen Sie hier die Geschichte von drei Familien, die Freunde wurden – über den Tod hinaus.

Verständnis zeigen. Ein Ohr füreinander haben. Sich gegenseitig unterstützen. Das macht gute Nachbarschaft aus. Manchmal kann man die gar nicht genug zu schätzen wissen. Denn wer kann sich seine Nachbarn schon aussuchen? Sie sind da, wo der Alltag ist. Ganz nah an unserem privaten Rückzugsort. Und manchmal teilen sie mit uns nicht nur eine Hauswand oder einen Gartenzaun, sondern ganz besondere Geschichten. Die wollten wir finden und hörten uns deshalb auf dem degewo-Mieterfest im August um. Sie erinnern sich? Wir hatten in der vergangenen stadtleben-Ausgabe dazu aufgerufen: Die Nachbarn, die mir die schönste Geschichte über ihr Zusammenleben erzählen, würden einen Preis gewinnen.

Am späteren Abend, als die Abendsonne schon tief stand, fiel mir eine größere Gruppe auf, die es sich auf ein paar Picknickdecken gemütlich gemacht hatte. Gehört ihr zusammen? „Ja, na klar!“ In der Großstadt mit den Nachbarn befreundet zu sein, das ist nicht gerade üblich. Ja, sicher, man kennt sich vom Sehen. Man grüßt sich, wechselt ein paar Worte im Treppenhaus. Man nimmt ein Päckchen entgegen. Vielleicht leiht man sich mal ein Werkzeug aus oder gießt sogar die Blumen und füttert die Katze übers Wochenende. Aber Freunde? Mathias und Frank sitzen auf einer Decke, beides Urgesteine als Mieter in der Joachim-Ringelnatz-Siedlung in Biesdorf. Schon rund zehn Jahre hatten sich die beiden vom Sehen gekannt – mehr nicht. „Klar waren wir immer in Grüßweite“, erinnert sich Mathias. „Aber eigentlich kamen sich nur unsere Autos auf dem Parkplatz nahe und nicht wir uns.“ Bis in die Erdgeschosswohnung zwischen Mathias und Frank ein neuer Nachbar einzog. Sven. „Svenni hatte sofort den Kontakt mit mir aufgenommen“, erzählt Frank. „Das war ganz einfach, weil wir beide mal Dachdecker waren.“ So ergaben sich die ersten Gespräche über den Zaun. „Sven war eigentlich die meiste Zeit im Garten“, erinnert sich Franks Partnerin Belinda.

„Wir haben uns schnell angefreundet.“ Und wie kamen die anderen Nachbarn mit ins Boot? „Es ging um ’ne Wurst“, erzählt Mathias schmunzelnd. „Einmal hat Sven diese französischen Delikatesswürste auf den Grill geworfen. Im Garten roch es, als sei da etwas fürchterlich schiefgelaufen. Aber Sven meinte nur: „Na, woll’n’se eene?“ Und die Einladung konnte Mathias ja nun schlecht ausschlagen. Am Ende hat der Versicherungsmakler die französische Wurst tapfer überstanden. Und einen neuen Freund gewonnen.

„Von da an waren wir eigentlich immer zusammen“, erzählt Mathias’ Frau Conny. „Die Wochenenden, die Gartenfeiern, die Silvesterparty – und Sven hat gern seine Musik laut aufgedreht.“ „Viel Elektronisches“, sagt Mathias. „Paul van Dyk und so. Wir haben das gemocht. Und der schwerhörigen Dame oben drüber war die Musik egal.“ Die Nachbarn wurden Freunde. Sven und sein Sohn Florian fühlten sich wohl in ihrer neuen Nachbarschaft. Die Gespräche wurden länger, der Garten zum Treffpunkt und sogar Ausflüge zusammen geplant. So wie den Urlaub in Polen. Frank zeigt Fotos auf seinem Smartphone, alle zusammen am Ostseestrand.

Und jetzt der Segeltörn auf dem Scharmützelsee. Den haben die Freunde auf dem Mieterfest gewonnen – nicht nur für die Geschichte, die ich ihnen bis hierher erzählt habe, sondern auch für das, was noch kommt. Das Wetter an diesem Sonntag im Oktober könnte nicht besser sein. Mehr als 20 Grad, die Sonne scheint auf buntes Herbstlaub. Das von degewo gecharterte Segelboot, die Bavaria 37, hat Platz für bis zu zehn Personen. Aber einer fehlt.

Es war etwa um Pfingsten dieses Jahres. Da klappt Sven mit einem Herzinfarkt zusammen. Er wird sofort ins Krankenhaus gebracht. Die OP geht gut, Sven wird wieder entlassen. Drei Tage später erleidet er noch einen Infarkt. Diesmal können die Ärzte nichts tun. Sven stirbt. Mit 49 Jahren. Florian verliert seinen Vater, die Nachbarn ihren Freund. Das ist doch kein Alter zum Gehen, der Schock sitzt tief.

„Ich weiß, es ist komisch, aber ich gucke immer noch rüber zu Svennis Garten“, sagt Frank. „Er war eine Frohnatur, mit dem konnten alle quatschen. Jetzt ist er nicht mehr da.“ Svens Sohn, Florian, lebt nun allein in der Wohnung. Die Nachbarn hatten sich dafür eingesetzt, dass Florian trotz seines schmalen Azubi-Gehalts bleiben kann. „Nun müssen wir unsere Freundschaft ohne Sven fortsetzen“, sagt Belinda. Eine Freundschaft, mit der jahrelang kein Nachbar gerechnet hatte. Und nun keiner mehr missen will.

„Es geht darum, sich zuzuhören, Interessen zu teilen“, sagt Conny. „Und wenn ich schon seit einer Stunde von der Arbeit zurück sein müsste, weiß Mathias schon, dass ich noch bei Belinda und Frank bin.“ „Es ist schön, füreinander da zu sein, sich auch mal auszuhelfen“, sagt Mathias – und nutzt breit grinsend die Gelegenheit. „Übrigens Frank, du hast noch ein bisschen Schleifpapier von mir.“ Die Gruppe lacht. Nach Weihnachten geht es gemeinsam an den Timmendorfer Strand. Ihrem Freund Sven hätte das sicher gefallen.