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Stadtentwicklung

Die Alboinhöfe: Mythenumrankt wohnen in Tempelhof

Wussten Sie, dass der größte Ochse von Berlin in Tempelhof weidet? Die Gegend um den Alboinplatz atmet Geschichte, Mythen und Sagen. An die Ostseite des Platzes schmiegt sich eine Wohnanlage aus der Zeit der Berliner Moderne: die Alboinhöfe.

Wohnen im Denkmal ist bei degewo keine Seltenheit. Rund 80 unserer Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Eins davon: die Wohnanlage „Alboinhöfe“ in Tempelhof. Was macht dieses Ensemble so besonders?

Königlicher Namensgeber: Wer war Alboin?

Bei der Namensvergabe wurde tief in die germanische Ahnenkiste gegriffen: Von König Alboin, dem Herrscher der Langobarden, ist kein genaues Geburtsjahr bekannt. Sicher ist nur, dass er vor 526 geboren wurde. Um seinen Tod rankt sich eine grausame Sage. So soll seine Frau Rosamunde Alboins Ermordung in Auftrag gegeben haben, weil er sie zwang, aus dem Schädel ihres Vaters zu trinken. Den hatte der Langobardenkönig vorher eigenhändig umgebracht. Der erfolgreiche Feldherr wird in der Regensburger Gedenkstätte Walhalla mit einer Tafel geehrt – und in Berlin mit dem Straßen- und Platznamen. Am gleichnamigen Kontorhaus Ecke Magirusstraße prangt der König als Reiter am Dachturm.

Platz Q, Straße 12a, Albion, Alboin: wechselvolle Namensgeschichte

Ursprünglich hießen Platz und Straße nach den ihnen zugewiesenen Namen im Bebauungsplan, und die waren technisch – „Straße 12a“ und „Platz Q“. Was dann geschah, entbehrt nicht einer gewissen Komik: Bis Anfang der 1930er hatte sich ein Buchstabendreher in den Straßennamen eingeschlichen. Die Alboinstraße wurde erst am 23. Januar 1931 so getauft, vorher hieß sie Albionstraße.

Vermutlich handelte es sich um einen Irrtum bei der Namensvergabe, denn schon kurz nach der Benennung in „Albionstraße“ im Jahr 1913 wurde mehrfach versucht, den Namen zu ändern. Albion, der antike Name für Großbritannien, war während des Ersten Weltkriegs keine beliebte Bezeichnung, doch mehrere Umbennenungsversuche scheiterten an der preußischen Bürokratie.

Der Architekt: Regierungsbaumeister Hans Jessen

Ein langer Wohnblock legt sich halbrund um die Ostseite des Alboinplatzes. Was heute als Wohnanlage „Alboinhöfe“ bekannt ist, wurde 1929 bis 1931 im Auftrag der „Deutschen Gesellschaft zur Förderung des Wohnungsbaus“ (DeGeWo) vom Architekten Hans Jessen unter Mitarbeit von Erich Glas entworfen. Die Entstehung der Alboinhöfe fällt also in die Zeit der Berliner Moderne, in der Licht, Luft, Grün und Farbe den städtischen Raum lebenswerter gestalten sollten. Jessen war Regierungsbaumeister und hatte unter anderem am Justizpalast in München mitgearbeitet. Im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, wurden die Häuser in den 1950ern erneuert und mit einem Dachgeschoss vergrößert. Über 50 Jahre später erfolgte die denkmalgerechte Modernisierung vieler Wohnungen am Platz.

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1950 – Blick auf den Greveweg / Ecke Burgemeisterstraße
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1954 – Blick auf den Greveweg / Ecke Burgemeisterstraße
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2018 – Blick auf den Greveweg / Ecke Burgemeisterstraße

Fast die Hälfte der Wohnungen steht unter Denkmalschutz

Nahezu fünfzig Prozent der 870 Wohnungen rund um den Alboinplatz stehen unter Denkmalschutz – und erfüllen trotzdem moderne Wohnansprüche. Denn die Wohnanlage wurde bis 2008 von degewo aufwendig modernisiert: Heizung, Elektro, Sanitär, Küchen und Bäder sind nun auf dem neuesten Stand.

Während innen der Fortschritt Einzug hielt, wurde außen Altes bewahrt. Die historische Farbgebung erstrahlt in neuem Glanz, warme Töne von Putz und Klinker harmonieren mit dem Weiß der Fenster. Durch Loggien wirkt die Fassade der Alboinhöfe freundlich aufgelockert. Bei der Sanierung orientierte sich degewo an der ursprünglichen Gestaltung der Gebäude – mit Erfolg. Eine Mieterin, die seit 1931 in der Siedlung wohnte, befand: „Ja, es sieht so aus wie früher.“

Wohnen in den Alboinhöfen: grün und ruhig

Nicht nur die Wohnanlage wurde in ihrer ursprünglichen Gestaltung wiederhergestellt, auch die Grünanlage im Wohnhof bekam ein Facelift. Idyllisch wohnt es sich rund um den Platz: Umgeben von Wiesen und lichtem Baumbestand liegt ein kleiner See in der Mitte, die „Blanke Helle“. So heißt übrigens auch die Siedlung, deren Teil die Alboinhöfe sind. Der See ist Überrest der Eiszeit vor 20.000 Jahren, früher wurde dort von den Bauern der Gegend das Vieh getränkt. Eindrücke von der heutigen Gestaltung des Platzes erhalten Sie hier und hier:

„Der größte Ochse von Berlin“

Das Naturdenkmal Blanke Helle ist mythisch verklärt. Im tiefschwarzen Wasser sah man den Eingang zur Hölle, deren Herrscherin in der germanischen Mythologie „Hel“ heißt. Um beim Bestellen des Ackers zu helfen, schickte die Totengöttin dem ansässigen Priester zweimal im Jahr einen großen schwarzen Stier, der beim Pflügen half. Der Priester starb und sein Nachfolger wurde ein christlicher Mönch, der von diesem heidnischen Zauberwerk nichts wissen wollte. Er weigerte sich, Hel Opfergaben zu bringen. Zur Strafe schickte sie den Stier ein letzten Mal, jedoch nicht zum Pflügen, sondern um den Mönch zu fressen. Seit 1936 erinnert eine riesige Skulptur an diese Sage. Der im Volksmund „größter Ochse von Berlin“ genannte Bulle des Bildhauers Paul Mersmann dominiert den Platz. Auch er steht – wie große Teile der Alboinhöfe – heute unter Denkmalschutz.