Interview
Stadtentwicklung

Unsere Stadtgestalter² – mit Weitblick für Berlin

Im Oktober startete unsere diesjährige Imagekampagne „Weitblick zum Quadrat“. Sechs unserer rund 1.300 Kolleginnen und Kollegen stehen dabei als Markenbotschafter für den täglichen Einsatz bei degewo. Wir sprachen mit Julia Miethe als Stadtgestalterin über Ihre Rolle und Ihre Aufgaben bei degewo.

Julia Miethe, Sie sind Leiterin des Kundenzentrums Marzahn und als „Stadtgestalterin“ das Gesicht der degewo-Imagekampagne 2019. Wofür genau sind Sie verantwortlich?
Als Leiterin des Kundenzentrums Marzahn stehe ich stellvertretend für alle unsere „Stadtgestalter“ in den degewo-Kundenzentren. Wir sind nicht nur dafür verantwortlich bezahlbare Wohnungen anzubieten, sondern die Stadt und ihre Quartiere aktiv mitzugestalten! Das bedeutet, wir und unsere Teams kümmern uns darum, dass sich unsere Mieterinnen und Mieter dort zu Hause fühlen, wo sie leben!

… mit Weitsicht! Was ist das Besondere daran?
Uns bei degewo geht es darum, nicht nur für den Moment zu planen und zu bauen, sondern sozial, bedürfnisgerecht und zukunftsorientiert. Wir planen langfristig, weil unsere degewo-Bestände möglichst lange von Nutzen sein sollen. Wir sehen es als Selbstverständlichkeit an, die hohen Werte, die unsere Häuser darstellen, mit Wissen und Erfahrung in die Zukunft zu führen. Wir versuchen, wo immer es geht, das Nützliche mit dem Guten zu verbinden. Vor allem die Themen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit stehen dabei im Vordergrund. Darüber hinaus – und das ist genau dieser Weitblick – schauen wir auf die Entwicklung und Stärkung der einzelnen Nachbarschaften. Wir fragen, welcher Wohnraum wird gebraucht, was ist bereits vorhanden? Was brauchen die Menschen, um sich dort wohlzufühlen?

Bei Sanierungs- und Bauvorhaben binden wir die Mieterinnen und Mieter wie auch unsere Nachbarn ein.

- Julia Miethe, Stadtgestalterin bei degewo

Wie finden Sie heraus, was die in einem Bezirk lebenden Menschen brauchen? 
Vieles hören wir in der alltäglichen Kommunikation. Wir sprechen sowohl mit der Nachbarschaft – also zum Beispiel mit ansässigen Vereinen und Gewerbetreibenden – als auch mit unseren Mietern und Interessenten. Somit gewinnen wir einen sehr guten Eindruck von dem, was die meisten Menschen von ihrer Wohnung und ihrem Umfeld erwarten.

Und es gibt die Möglichkeit der Mitbestimmung und Mitgestaltung!
Genau! Bei Sanierungs- und Bauvorhaben binden wir die Mieterinnen und Mieter wie auch unsere Nachbarn ein. Wir haben klare Beteiligungsformate, die für uns eine besonders wichtige Quelle sind, um zu erfahren, wo der „Schuh drückt“, welche Kritik und welche Wünsche es gibt. Diese fließen in die Planung ein und bestimmen das Ergebnis mit.

Das klingt spannend, aber auch abstrakt. Können Sie Ihre Vorgehensweise anhand eines Beispielprojekts näher beschreiben?
Durchaus. Ein gutes Beispiel ist unser Quartier in Lankwitz. Es zeichnete sich ab, dass viele Paare Familienwohnungen benötigen. Daraus entwickelte sich das Neubauprojekt in der Ursulastraße. Hier bieten wir ausschließlich größere Familienwohnungen an. Für uns als Stadtgestalter ist es damit allerdings nicht getan. Zu unseren Aufgaben gehört es, das Umfeld zu gestalten. Dafür wurde in Zusammenarbeit mit interessierten Mietern und den Landschaftsarchitekten der gruppe F seit dem Frühjahr 2017 in „Bürgersteiggesprächen“ und in zwei Planungsworkshops „Ideen für die Wohnumfeldgestaltung“ erarbeitet. Im Ergebnis wurde die Parkanlage aufgewertet, der Baumbestand geschützt. Zudem gibt es Fahrradstellplätze, einen Spielplatz und einen Gemeinschaftsgarten – also viel Raum für Nachbarschaften über alle Generationen hinweg. 

Werden denn Familienwohnungen am häufigsten nachgefragt?
Wir verzeichnen tatsächlich eine riesengroße Nachfrage nach Wohnungen in den zentralen Bezirken, die für Familien geeignet sind. Aber auch Ein- bis Zweizimmerwohnungen gehen in unserer Stadt, der Hauptstadt der Singles, wie frische Schrippen weg. Aber letztlich geht es immer um modernen Wohnraum in erschlossenen Bezirken, mit genügend Freizeit-, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen - aber vor allem muss der Wohnraum bezahlbar sein.

Auf den ersten Blick gibt es dabei Zielkonflikte. Wie wird es möglich, dass Sie modernen und gleichzeitig bezahlbaren Wohnraum anbieten können?
Als Wohnungsbauunternehmen in öffentlicher Hand haben wir den Auftrag, bezahlbaren Wohnraum anzubieten und die Verpflichtung, diesen Wohnraum nachhaltig bewohnbar zu halten. Dies gelingt uns, indem wir unseren Bestand jährlich durch Neubau und Ankauf erweitern. Die Hälfte der Neubau-Wohnungen wird mit Mitteln des Landes Berlin gefördert. Deshalb können wir sie im Durchschnitt für 6,50 Euro/m2 anbieten. Die andere Hälfte der Wohnungen wird frei finanziert. Das bedeutet, wir vermieten diese für durchschnittlich unter 10 Euro/m2 netto.

Trotzdem fallen ja Bau- und Sanierungskosten an, die vermutlich auch nicht sinken?
Das ist richtig. Hier nutzen wir unsere langjährige Erfahrung im Wohnungsbau. Durch bauWerk, unser eigenes Planungsbüro, stellen wir nicht nur sicher, dass unsere eigenen hohen Planungs- und Ausführungsstandards umgesetzt werden, sondern dass wir durch diese Standards auch Einsparungen erzielen. Wir arbeiten dabei mit Architekturbüros zusammen, die diese Standards bei der Planung unserer Neubauten und Sanierungen übernehmen.  

Viele fragen sich, warum genau vor meiner Tür gebaut werden muss. Was antworten Sie darauf?
Da die Kosten für den Erwerb von Grundstücken aus mehreren Gründen, vor allem wegen Verknappung, sehr angestiegen sind, betrachten wir unsere Bestandsgrundstücke – was ist hier noch möglich, was sinnvoll, was verträglich? Die Wohnungen, die wir auf eigenem Grund errichten können, sind von vornherein günstiger. Das bedeutet natürlich Veränderung für die dort bereits wohnenden Mieter. Wer aber in der Stadt wohnt, der muss mit Veränderungen rechnen, auch unmittelbar vor der Haustüre. Berlin ist eine verhältnismäßig junge Stadt, die sich in rasantem Tempo stetig verändert hat. Wer heute in Spandau unterwegs ist und durch Hakenfelde läuft, der sieht, wie das aussehen kann: mit den Pepitahöfen haben wir gemeinsam mit unserer Schwester, der WBM, die Stadt dort „fortgeschrieben“.   

Variowohnen zeigt sehr eindrucksvoll, wie die Schaffung von flexibel gestaltbarem, urbanem Wohnraum funktionieren kann.

- Julia Miethe, Stadtgestalterin bei degewo

Ähnlich wächst ja auch Marzahn, oder? Gibt es dort Bauvorhaben die für sie noch innovativer und zukunftsorientierter sind?
In Marzahn realisieren wir derzeit mit dem Modellvorhaben Variowohnen ein sehr interessantes Projekt. Neben Wohnungen für Familien und Senioren entsteht dort ein Gebäude, das sich an den Anforderungen von Studierenden orientiert. Die flexiblen Grundrisse ermöglichen es, die aktuell kleinen Wohneinheiten in Zukunft zu vergrößern und so sehr schnell an die Ansprüche auch älterer Menschen anzupassen. Das Projekt wird mit rund 1,7 Millionen Euro aus dem Zukunftsinvestitionsprogramm der Bundesregierung gefördert und zeigt sehr eindrucksvoll, wie angesichts der sich wandelnden Gesellschaft die Schaffung von flexibel gestaltbarem, urbanem Wohnraum funktionieren kann.

Derzeit ist der Wohnungsmarkt sehr angespannt. Geben Sie uns einen Tipp für die Wohnungssuche?
Sehr Gerne! Mein Tipp: Wagen Sie einen Blick in die vermeintlichen Randbezirke. Hier ist vieles ganz anders als vermutet. Sich dort überraschen lassen, eigene Vorurteile abbauen und dabei noch eine neue Wohnung finden – das geht leichter, als wir manchmal denken.