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Stadtentwicklung

Wohnen im Denkmal: Der Schillerhof im Wedding

Der Schillerhof atmet Geschichte, gleichzeitig kommen seine Bewohnerinnen und Bewohner in den Genuss aller Annehmlichkeiten des modernen Wohnens. Ein Besuch vor Ort.

Die Fenster des Torgebäudes sind dunkelrot eingefasst, die Fassade ist quer grau-weiß gestreift, alle anderen Häuser sind in Ocker gehalten, mit roten Simsen und weiß eingefassten Fenstern ­– es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben bei der Schillerhof-Siedlung im Wedding. Und doch hat sich so vieles verändert. Aber der Reihe nach.

Gutes Wohnen für kleine Miete

1925: Das Bauhaus zieht von Weimar nach Dessau, das „Deutsche Museum“ in München und das „Capitol“ in Berlin werden eröffnet und die Deutsche Gesellschaft zur Förderung des Wohnungsbaus (heute: degewo) baut ihre ersten Häuser, darunter auch die Wohnanlage Schillerhof im Norden von Berlin. Der Gedanke hinter dem Bauvorhaben: Für kleine Mieten sollten gute Wohnungen entstehen. In Berlin war Wohnraum auch zu dieser Zeit knapp und noch dazu nicht selten in katastrophalem Zustand. Besonders für ärmere Berlinerinnen und Berliner gab es kaum Wohnraum. Das sollte sich ändern.

Zimmer mit Bad und Blick ins Grüne

Parallel zur heutigen Aroser Allee und als Blockrandbebauung zwischen Winkelriedstraße und Holländer Straße plante der Architekt Erich Glas die drei bis viergeschossigen Gebäude. Insgesamt 422 Wohnungen, jeweils ein bis zwei Zimmer mit Kammer, Küche und Balkon oder Loggia sollten entstehen. Das Besondere: Jede Wohnung sollte ein eigenes Bad bekommen, für Mietwohnungen zur damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit. Und noch etwas unterschied die Schillerhof-Siedlung von anderen Arealen: Anstatt dunkler Innenhöfe sollten riesige parkartige Grünflächen angelegt werden.

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Zwei Jahre nach Baubeginn ist der Schillerhof bezugsfertig

Damit die Mieten auch tatsächlich bezahlbar blieben, sollte Architekt Glas möglichst kostengünstig bauen. Aus diesem Grund wurden für alle Wohnungen standardisierte Grundrisse geplant und auch die Fassaden sollten klassisch und eher schmucklos gestaltet werden. Das Konzept ging auf, obwohl der zum Sparen angehaltene Architekt über den Eingangstüren doch ein paar Schmuckelemente anbringen ließ. An der Aroser Allee sind bis heute Tiere, Blumen oder spielende Kinder im Relief zu sehen. An der Winkelriedstraße lassen sich unter einem Segmentbogen abwechselnd Reliefs und rechteckige Bildfelder entdecken.

1927, das Jahr in dem Fritz Langs Film „Metropolis“ und Hermann Hesses Roman „Der Steppenwolf“ erschienen sind und die Rennstrecke Nürburgring eröffnet wurde, sind auch alle Häuser der Schillerhof-Siedlung bezugsfertig.

Unter Denkmalschutz: Die historische Substanz erhalten

Als anschauliches Beispiel für die sozialen Leistungen des Wohnungsbaus der Weimarer Republik wurde die Schillerhof-Siedlung Ende der 1990er Jahre als baulicher Zeitzeuge der Geschichte in die Berliner Denkmalliste aufgenommen. 2011 begannen die energetische Sanierung und die Aufwertung der Grünanlagen der Wohnanlage im nördlichen Wedding. Kostenpunkt für die degewo: Rund 16,5 Millionen Euro für die Aufwertung der Grünanlagen und die energetische Sanierung in den 367 Wohnungen der Anlage. Alle Leitungen, Fallrohre und Heizungen wurden erneuert und die Wände zusätzlich gedämmt. Die alten Doppelfenster wurden – natürlich denkmalgerecht – durch einfache Fenster mit Isolierglas ersetzt. Ziel war es, nicht nur die historische Substanz des Schillerhofs zu erhalten, sondern auch die ursprüngliche Fassadengestaltung wiederherzustellen.

Stadtgestalter²

Wir gestalten die Stadt – mit Weitblick und Verstand. Dabei geht es uns nicht nur darum, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, sondern wir wollen auch, dass sich die Menschen in ihrem Zuhause wohlfühlen. Darum setzen wir bei all unseren Neubauvorhaben auf Mitbestimmung und Mitgestaltung.

Die Mischung macht’s: Familienleben im Schillerhof

Auf einer Wohnfläche von 23.500 Quadratmetern und auf fast drei Hektar öffentlichen und privaten Freiräumen leben heute vier Generationen zusammen. Barrierefreiheit wird hier ebenso gelebt, wie die Möglichkeit ausgelassen im Grünen zu Spielen. So hat sich zum Beispiel der Anteil an Familien mit kleinen Kindern seit 2014 von 0 % auf circa 10 % erhöht. Und auch die Bewohnerinnen und Bewohner, die im Schillerhof bereits von Jugend an jeden Winkel kennen, fühlen sich hier nach wie vor wohl. Bestes Beispiel: Petra Dell’Anna, die 1963 mit Mutter und Vater in die Siedlung im Wedding zog. Bis heute prägt der Wandel den Schillerhof, der als Denkmal der Zeitgeschichte in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild wieder ganz neu erstrahlt und gleichzeitig die Annehmlichkeiten des Lebens im 21. Jahrhundert vereint.