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Engagement | Event

Ein Telefon gegen die Einsamkeit

Über 800.000 Berlinerinnen und Berliner engagieren sich ehrenamtlich. Auch bei der degewo-Tochter SOPHIA Berlin GmbH hängen sich die „EMAs“, wie die ehrenamtlichen Mitarbeitenden dort liebevoll genannt werden, mächtig ins Zeug.
Wir haben den sozialen Dienst in Marzahn besucht und bewegende Geschichten zwischen Telefonhörer und Eierschecke erlebt.

„Wie geht’s Ihnen heute?“ Man sagt, man hört am Telefon, wenn Menschen lächeln. Monika Springefeld hört man es auf jeden Fall an, sie ist eine von 15 ehrenamtlichen Telefonpatinnen und -paten der SOPHIA Berlin GmbH. Der Dienst bietet im Rahmen seines Hausnotrufs eine soziale Betreuung mit Telefonservice an, der bei einigen Seniorinnen und Senioren mittlerweile beliebter geworden ist als der Hausnotruf selbst.

Mit Hingabe Ehrenamtlerin: Monika Springefeld

Im Juli 2020 griff Monika Springefeld das erste Mal als SOPHIA-Telefonpatin zum Hörer. Seitdem ruft sie einmal in der Woche aus einem hellen Büro in Marzahn „ihre älteren freundlichen Herrschaften“ an, wie sie sagt - während des Lockdowns auch von zu Hause. Unter den Herrschaften sind auch Damen, von denen wir eine später noch persönlich kennenlernen werden: Frau Nuss. Zwischen zehn und fünfzehn Minuten dauern die Telefonate im Schnitt, aber Zeitdruck gibt es keinen. Wenn das Gespräch läuft, läuft es so lange wie die Beteiligten Lust haben. „Das ist der schöne und große Unterschied zum Callcenter,“ weiß Monika Springefeld. Sie muss es wissen, denn sie hat 16 Jahre in der Branche gearbeitet. „Daher habe ich mich auch für ein Ehrenamt bei SOPHIA entschieden, weil mir das Telefonieren einfach liegt,“ sagt sie. Acht Seniorinnen und Senioren hat Frau Springefeld auf ihrer Telefonliste, acht Menschen mit ganz individuellen Geschichten.

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Monika Springefeld ist ehrenamtliche Telefonpatin bei SOPHIA Berlin GmbH. Acht Seniorinnen und Senioren betreut die Berlinerin an der Strippe in ihrer Freizeit.

Von kurz und bündig bis zu Telefonfreundschaften

Als das öffentliche Leben ganz ruhte und selbst Arztbesuche – oft der einzige soziale Kontakt für viele Seniorinnen und Senioren – nur unter erschwerten Bedingungen möglich waren, bekam das Patentelefon für viele von Monika Springefelds „älteren Herrschaften“ einen noch größeren Stellenwert. Man merkt ihr an, dass sie ihr Ehrenamt mit viel Herzblut ausübt, aus einigen Telefonpatenschaften sind fast schon Telefonfreundschaften geworden. Natürlich gibt es auch Gespräche, die kurz und bündig sind. Manchmal habe sie den Eindruck „Männer haben nur eine bestimmte Anzahl Wörter am Tag zur Verfügung“, sagt Frau Springefeld schmunzelnd. Da reiche dann auch schon mal ein kurzer Plausch. In jedem Fall helfen die Anrufe gegen die Einsamkeit, unter der viele ältere Menschen leiden, gerade in einer so großen und anonymen Stadt wie Berlin. Und sie erfüllen auch ganz praktische Zwecke: Wenn es im Sommer sehr heiß ist, erinnert Frau Springefeld ihre Gesprächspartner zum Beispiel auch mal ans Trinken, etwas, das ältere Menschen oftmals vergessen. Ein Telefonat hat sie noch vor sich, danach fährt sie gemeinsamen mit der Ehrenamtskoordinatorin Eileen Seibt-Zudse zu Frau Nuss, deren Telefonpatin sie ist.

Ehrenamtskoordinatorin Eileen Seibt-Zudse: Rund um die Uhr im Einsatz

Ohne sie und ihre Kolleginnen und Kollegen in der Servicezentrale würde hier nichts laufen: Die Ehrenamtskoordinatorin Eileen Seibt-Zudse ist seit Dezember 2007 bei SOPHIA. Das Patentelefon gab es von Anfang an. Von den fünf Ehrenamtlichen, die schon zu Beginn dabei waren, sind sogar noch drei im Dienst, „quasi die Urgesteine“, sagt Frau Seibt-Zudse lächelnd. Nachwuchssorgen hat sie keine, was sicherlich nicht zuletzt an ihrer hingebungsvollen Arbeit liegt. Siebzig „EMAs“, also ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, hat SOPHIA insgesamt – allesamt Menschen, die freiwillig ihre Zeit zur Verfügung stellen, um etwas Gutes zu tun. Solches Engagement verdient Respekt und Anerkennung, davon ist Frau Seibt-Zudse überzeugt. „Die Zeit, die uns die Ehrenamtlichen spenden, ist kostbar, und wir versuchen das aufzuwiegen, sei es mit Fortbildungen oder anderen Veranstaltungen.“ Ob zum Berliner Freiwilligentag oder der Weihnachtsfeier, die dieses Jahr hoffentlich wieder stattfinden kann: Bei SOPHIA legen sie Wert auf das Gemeinsame.

Sie interessieren sich für die Arbeit von SOPHIA Berlin GmbH oder wollen selbst ehrenamtlich tätig werden?

Kein Job wie jeder andere

Die Ehrenamtlichen zu betreuen und zu koordinieren ist ein Fulltime-Job, den man nicht einfach wie eine Jacke an die Garderobe hängt, wenn man nach Hause kommt. „Ich arbeite eigentlich rund um die Uhr“, sagt Frau Seibt-Zudse – aber sie wirkt dabei nicht gestresst. „Wenn ein Ehrenamtlicher am Wochenende zu Senioren rausfährt und es gibt Probleme, dann bin ich natürlich erreichbar.“ Auch wenn die Ehrenamtlichen selbst Sorgen haben, hat Frau Seibt-Zudse ein offenes Ohr. Im Umkehrschluss weiß sie, dass sie sich auf „ihre EMAs“ verlassen kann, wenn einmal spontan eine Seniorin zum MRT begleitet werden muss oder anderweitig Hilfe gebraucht wird. Die engmaschige Betreuung zahlt sich aus: „Die Ehrenamtlichen, die bei uns sind, bleiben in der Regel auch bei uns“, selbst eine Studentin, die weggezogen ist, telefoniert noch heute mit ihrer Seniorin von Rostock aus. „Viele sind aus dem Berufsleben ausgeschieden und sehnen sich nach einer sinnvollen Aufgabe, gerade viele, die früh in Rente gehen mussten,“ weiß die Ehrenamtskoordinatorin. Doch nicht nur die Ehrenamtlichen, auch die Seniorinnen und Senioren halten SOPHIA die Treue. Die älteste Teilnehmerin am Hausnotruf mit Telefonpatenschaft war 108 Jahre alt, bevor sie ins Heim zog. Im Schnitt sind die Menschen, die bei SOPHIA betreut werden, 83 Jahre alt.

Ein kurzes Telefonat kann viel bewirken

„Wer den ganzen Tag beispielsweise beruflich am Telefon hängt, kann oft gar nicht abschätzen, wie viel ein Telefonat für ältere Menschen ausmacht“, gibt Eileen Seibt-Zudse zu bedenken. „Ich bin an manchen Arbeitstagen durchgängig am Apparat – für die Seniorinnen und Senioren haben einige Minuten schon eine immense Bedeutung, denn es ist vielleicht ihr einziger Kontakt in der Woche.“ Einfach mal zum Hörer greifen und die Tante oder die Oma anrufen ist eine kleine Geste, die oft große Wirkung hat.

Inzwischen ist Monika Springefeld mit ihrem Telefondienst fertig, ein Blick auf die Uhr sagt, dass es langsam Zeit ist, aufzubrechen. Gleich besuchen wir die 89-jährige Frau Nuss, die zum ersten Mal ihre Telefonpatin treffen wird.

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Bei Eierschecke und Kaffee treffen Frau Nuss und ihre Telefonpatin Monika Springefeld zum ersten Mal zusammen.

Besuch bei Frau Nuss: Vom Telefon zum Kaffeetisch

„Also ich bin richtig platt, angenehm überrascht!“ Humor hat Frau Nuss, die Dame mit dem sächsischen gefärbten Dialekt. Heute ist sowohl für sie als auch für Monika Springefeld Premiere, die beiden sehen sich das erste Mal live und in Farbe, nach einem halben Jahr Telefonpatenschaft. Viele Stunden haben sie seither miteinander geredet, über schöne Dinge, aber auch ernste Themen. Nun sitzen sie bei Eierschecke und Kaffee zusammen im Wohnzimmer von Frau Nuss in Lichtenberg und „schnattern“ von Angesicht zu Angesicht. Ehrenamtskoordinatorin Eileen Seibt-Zudse ist mit dabei und hat einen großen Blumenstrauß mitgebracht. Ob es am Anfang nicht etwas seltsam war, mit einer fremden Person am Telefon zu sprechen, jede Woche? „Nee, ganz und gar nicht. Ich bin manchmal vielleicht sogar zu kontaktfreudig,“ lacht Frau Nuss. Monika Springefeld kann das bestätigen: „Sie hat keinen Moment gefremdelt“, von Anfang an sei der Kontakt sehr herzlich gewesen. „Das ist auch so’n bissl die sächsische Mentalität, wir sind nie um einen Spruch verlegen,“ sagt die 89-Jährige mit der hellen Stimme. „Ich bin eh sehr mitteilungsbedürftig über Dinge, die ich erlebt habe, oder wenn es mal einen Film gibt, der mich beschäftigt.“ – „Oder worüber Sie sich auch mal ärgern,“ wirft Monika Springefeld lachend ein.

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Über ein halbes Jahr telefonieren Frau Nuss und Monika Springefeld miteinander, jetzt lernen sie sich auch „in 3D“ kennen. Die Telefonpatenschaft von SOPHIA ist eine der beliebtesten Leistungen des sozialen Dienstes.

Seit über einem halben Jahrhundert Berlinerin

Seit 1955 wohnt Frau Nuss in Berlin. Aufgewachsen ist sie im Erzgebirge. „Ich wurde von meinem Vater so erzogen, dass man Leute auf der Straße grüßt.“ Auch heute würde sie fremde Leute auf der Straße noch erwartungsvoll anschauen, meint ihre Tochter, die so freundlich war und die Kaffeetafel eingedeckt hat. Es ist diese offene Art, die sich wie ein roter Faden durch das Treffen zieht, Frau Nuss nimmt kein Blatt vor den Mund und ist immer für einen Scherz zu haben. Man merkt ihr die Freude über das Zusammentreffen mit ihrer Telefonpatin an, gerade in diesen Zeiten, in denen wegen Corona immer noch viele Aktivitäten ruhen müssen. Zuvor war Frau Nuss oft bei Veranstaltungen des Vereins „Miteinander Wohnen“, zum Tanzen, zu Kaffee und Kuchen. Heute gibt’s beides halt zu Hause, im Wohnzimmer.

Frau Nuss und Monika Springefeld „schnattern“ noch eine Weile, bevor es Zeit wird, zu gehen. In der Woche darauf klingelt wieder das Telefon bei Frau Nuss – sie und ihre Telefonpatin haben sich dann wieder viel zu erzählen.