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Nachbarschaft | Stadtgeschichte

Kunst braucht Freiraum: Wie degewo Berliner Kunstschaffende unterstützt

Magazin stadtleben 4/2021

Um Kunstwerke zu erschaffen, brauchen Künstlerinnen und Künstler die unterschiedlichsten Voraussetzungen. In jedem Fall aber: günstige Räume mit viel Platz zum Arbeiten und Ausstellen. Besuchen Sie mit degewo drei Berliner Künstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers.

Drei Kunstschaffende, drei Stadtteile: Wir waren unterwegs im Wedding, in Gesundbrunnen und in Marzahn, um Kata Unger, Thomas Henriksson und Marc Pospiech bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen.

Kata Unger: Eine Künstlerin in der Kolonie Wedding

Ein ganzer Schrank voller Skizzen und unzählige Gemälde an der Wand, lassen erahnen wie viele Bilder sie im Kopf hat. Wenn die 60-jährige Künstlerin über ihre Arbeiten spricht, wird schnell klar, warum sie ein besonderes Medium braucht, um all diese Assoziationen und Ideen zum Ausdruck zu bringen. Die Sprache reicht dafür nicht aus.

Dazu kommt eine große Begeisterung für zahlreiche künstlerische Techniken. Sie schneidet Schablonen aus alten Tetrapacks, sprüht mit Aquarellfarben und experimentiert mit deren Trocknungszeit. Die Wolle für ihre Bilderteppiche färbt sie selbst. Seit 1982 webt sie, dabei besonders gerne mit unterschiedlichen Fadenstärken. Bis zu vier Monate arbeitet sie an einem Teppich. Während der Entstehung kommen viele neue Ideen dazu, jeder Teppich ist das Ergebnis einer monatelangen künstlerischen Auseinandersetzung mit der Welt.

Kata Ungers „Verschwörungsteppich“, 2003, Seide, Wolle auf Baumwolle, 160 x 202 cm
Die Künstlerin in ihrem großzügigen Atelier.
Die Fäden für den nächsten Wandteppich liegen schon bereit.

Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt im Wedding

Kata Unger zählt zu den wenigen Künstlerinnen, die von ihrer Arbeit leben können, wenn auch bescheiden. Ihr großes Atelier unter dem Dach in der Wriezenstraße 7, das sie sich mit einem Kollegen teilt, hat sie von degewo gemietet. Es zählt zu den 23 Projekträumen der Kolonie Wedding, die mit degewo und anderen landeseigenen Wohnungsgesellschaften eine weltweit einmalige Kooperation auf die Beine gestellt hat. Die Künstlerinnen und Künstler können ehemals leerstehende Gewerbeflächen im Soldiner Kiez für sehr geringe Mieten zum Arbeiten und Ausstellen nutzen. „Im Gegenzug öffnen wir die Projekträume und laden die Öffentlichkeit ein, bei uns die Arbeiten von Künstlern aus der ganzen Welt zu besichtigen“, erzählt Kata Unger.

Wie bei vielen Künstlern besteht auch bei Kata Unger der Freundeskreis vor allem aus anderen Künstlerinnen und Künstlern. „Der Zusammenhalt untereinander ist groß“, sagt sie. Sie selbst hatte zudem das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, die viel Verständnis für ihre Lebensweise hat.

DIE KOLONIE WEDDING

2001 schlossen sich degewo und das bezirkliche Quartiersmanagement im Soldiner Kiez mit Kunstschaffenden zusammen, um leerstehende Gewerberäume in Kulturorte zu verwandeln. Die Künstlervereinigung „Kolonie Wedding“ hat knapp 50 aktive Mitglieder. An jedem letzten Wochenende im Monat veranstalten sie Vernissagen und geführte Rundgänge.

Thomas Hendriksson: Von der Wäscherei zum Atelier

Nicht weit vom Soldiner Kiez entfernt liegt die Wiesenburg, in deren ehemaliger Wäscherei sich das Atelier des schwedischen Malers Thomas Henriksson befindet. Der Künstler lebt seit 21 Jahren in Berlin, zuvor war er fünf Jahre in New York. Wie so oft hat der 57-Jährige seinen Arbeitsraum gerade für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt.

Für mich ist es wichtig, diesen wunderbaren Raum für die Kunst zu nutzen – nicht nur für mich, sondern auch für andere.

- Thomas Hendriksson

In seinem Atelier finden gelegentlich auch kleine Konzerte statt. Das Zusammenspiel der Musikerinnen und Musiker habe ihn auf die Idee gebracht, zusammen mit zwei anderen Künstlern zu malen. Leinwände wurden getauscht, es wurde diskutiert und weitergemalt. „Wir waren uns fast immer einig, wie wir die Bilder noch weiter verbessern konnten. So ähnlich muss das Gefühl sein, wenn man in einem Orchester spielt.“

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Thomas Hendriksson in der Weinlaube vor dem Haus.
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„Into the pink (Dancers)“, Öl auf Leinwand, 90 x 90cm, 2018

„Man muss mehr können als malen“

Thomas Henriksson malt oft mehrere Monate hintereinander. An dem riesigen quadratischen Gemälde, das in seinem Atelier hängt, hat er vier Jahre immer wieder weitergearbeitet, bis es sich für ihn richtig anfühlte. „Um davon leben zu können, muss man mehr können als malen", sagt er. „Man braucht Ausstellungen, eine gute Vernetzung und sehr viele Kontakte“ Seine Gemälde verkauft er hauptsächlich in Schweden, einige Sammler kommen sogar regelmäßig zu ihm ins Atelier, um etwas zu kaufen.

Vor dem Eingang hat er ein kleines Holzdach gebaut, unter dem Weintrauben wachsen. Auch ein paar Tomatenpflanzen stehen dort, eine Bank, ein Tisch und ein paar Stühle. Es dauert nicht lange, bis sich an diesem idyllischen Plätzchen ein paar Freunde sammeln.

DIE WIESENBURG

Das ehemalige Obdachlosenasyl Wiesenburg in der Wiesenstraße 55 (Gesundbrunnen) wurde 1896 erbaut und steht unter Denkmalschutz. Seit 1960 haben die Bewohner einen Kulturstandort daraus gemacht. Ende 2014 wurde das Areal vom Land Berlin an degewo übertragen – mit dem Auftrag, die Wiesenburg als Ort des kulturellen Austauschs zu erhalten und weiterzuentwickeln. Dafür wurde in einem Beteiligungsverfahren ein Nutzungskonzept erarbeitet. Im Nordosten entstand ein Neubau mit Mietwohnungen und Gewerbeflächen. Auch hier gibt es Atelierräume.

Marc Pospiech: Kunst ist eine Lebensform

Im Projektraum Galerie M in Marzahn bereitet Marc Pospiech eine neue Ausstellung vor. Er ist einer der Köpfe der Neuen KUNSTinitiative Marzahn-Hellersdorf, einer Gruppe von rund 80 Künstlerinnen und Künstlern aus dem Bezirk. Im Auftrag des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes bespielt die NKI den Projektraum mit einem Kunstprojekt. „Zurzeit stellen wir vor allem aus, und das in einer hohen Frequenz“, sagt Marc Pospiech, der hier als Leiter, Kurator, Ausstellungsgestalter und teilnehmender Künstler in Personalunion tätig ist.

Künstlerinnen und Künstlern eine Stimme geben

Marc Pospiechs will gesellschaftspolitische Verantwortung als Kulturbotschafter übernehmen. Deshalb ist er fast mehr mit der Vernetzung von in- und ausländischen Künstlern beschäftigt als mit der Produktion eigener Werke. „Wir haben es vergleichsweise sehr gut in Deutschland“, sagt er, der viele Künstlerkollegen aus Ländern kennt, in denen Zensur und Verfolgung an der Tagesordnung sind. „Diesen Künstlern will ich eine Stimme geben, damit sie wahrgenommen werden.“

In seinen eigenen schöpferischen Phasen steht Marc Pospiech in der Regel früh auf. Er malt, sprüht, collagiert und zitiert aus der Bilderwelt der digitalen Gaming-Szene, gerne auf großen Leinwänden. Oder er bereitet eine Installation vor, etwa ein dreidimensionales Bild mit verschiedenen Elementen. Im Projektraum Galerie M sind regelmäßig Werke von ihm zu sehen.

Marc Pospiechs inmitten seiner Arbeiten.
Pospiechs Kunstwerke in der Galerie M.

DER PROJEKTRAUM GALERIE M

Bis 2018 war in der ehemaligen Metzgerei an der Marzahner Promenade 46 die kommunale Galerie M untergebracht, die dann ins Schloss Biesdorf umzog. Seither bespielt die Neue KUNSTinitiaitve Marzahn-Hellersdorf die 400-Quadratmeter-Fläche im Auftrag des Amts für Weiterbildung und Kultur mit Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Auch die Gewerbeabteilung von degewo und ihr Promenadenmanager Holger Scheibig unterstützen die Künstlerinnen und Künstler.

Kunst braucht viel Zeit – und Raum

Der 45-Jährige Marc Pospiech hat an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel studiert und ist vor einigen Jahren in seine alte Heimat Berlin zurückgekehrt. Zusammen mit seiner Freundin, die ebenfalls Künstlerin ist, zog er in Mahlsdorf in sein früheres Elternhaus ein. Sie bauen im Garten Gemüse an und leben sehr sparsam. Von Zeit zu Zeit müssen sie aber doch immer mal einen kunstfernen Job annehmen, damit ein bisschen Geld zum Leben reinkommt. Für die Arbeit im Projektraum der Galerie M gibt es keine Bezahlung, das Bezirksamt übernimmt pro Ausstellung eine Kostenpauschale für Materialien und Werbung. „Ohne die Unterstützung von meiner Familie könnte ich als Künstler nicht leben“, sagt Marc Pospiech. Dennoch hat er sich für die Lebensform Kunst entschieden. Ein Leben, das vor allem eins fordert: viel Zeit. Und Raum.