Bunt gestalteter Doppeldeckerbus "Demokratie-Mobil" steht vor Gebäuden und Bäumen. © Mernissi-de Gouges Bildungs- & Sozialwerk gUG
Engagement | Nachbarschaft

Das Demokratie-Mobil im Einsatz für Schulen

Wie vermittelt man Demokratie so, dass Kinder und Jugendliche sie wirklich verstehen? Seyran Ateş spricht über die Idee des Demokratie-Mobils, warum politische Bildung früh beginnen muss – und weshalb es manchmal hilft, den Klassenraum einfach auf Räder zu stellen.

Seyran Ateş ist Juristin, Autorin und Frauenrechtsaktivistin. Seit vielen Jahren setzt sie sich öffentlich für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und einen liberalen Islam ein. Große Bekanntheit erlangte sie insbesondere durch die Gründung der Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin, die für einen zeitgemäßen und inklusiven Islam steht. Zu Fragen von Integration, Religionsfreiheit und Demokratie tritt sie regelmäßig in Medien und bei Veranstaltungen auf. Sie ist zudem Gründerin und Geschäftsführerin des Mernissi-de Gouges Bildungs- und Sozialwerk gUG (MdG-Bildungswerk), welches das Demokratie-Mobil Projekt durchführt.

degewo | Können Sie kurz erläutern, was genau das Demokratie-Mobil ist und wie die Idee dazu entstanden ist?

Seyran Ateş | Ich bin Juristin und war viele Jahre als Anwältin tätig. Heute verstehe mich aber vor allem als politische Aktivistin. Seit über 40 Jahren engagiere ich mich für Frauenrechte und Menschenrechte – und damit immer auch für die Bildung und Demokratie. Aus diesem Grunde habe ich das MdG-Bildungswerk gegründet.

Durch meine Arbeit als Autorin und in Schulen wurde mir zunehmend bewusst, wie wichtig politische Bildung ist. In dieser Zusammenarbeit zeigte sich immer deutlicher: Viele Konflikte – ob zu Frauenrechten, Religionsfreiheit oder Meinungsfreiheit – hängen aus meiner Sicht mit einem Defizit im Demokratieverständnis zusammen.

Meine Idee war deshalb, an Schulen einen festen Demokratieraum einzurichten. Doch es fehlte an Räumen und Platz. Nachdem sich 2023 die Spannungen unter anderem im Nahen Osten verschärft haben, wurde der Bedarf noch deutlicher. In einem Gespräch mit der Bildungsverwaltung entstand schließlich die Lösung: Wenn es keinen Raum gibt, bringen wir ihn eben mit – als rollendes Klassenzimmer. So entstand die Idee des Demokratie-Mobils.

Die Nachfrage ist enorm – aus Berlin, Brandenburg und sogar aus anderen Bundesländern. Gefördert werden wir vom Berliner Senat, weitere Förderungen strebe ich an. Umso dankbarer bin ich für Partner wie degewo, die das Projekt zusätzlich unterstützen.

Welche Ziele verfolgt das Demokratie-Mobil – über reine Information hinaus?

Es geht ausdrücklich nicht um reine Wissensvermittlung. Wir kommen nicht als Lehrkräfte, die Artikel aus dem Grundgesetz auswendig lernen lassen. Natürlich vermitteln wir Grundlagen – aber unser Ziel ist, Demokratie erfahrbar zu machen. Für mich spielt dabei der „gute Streit“ eine zentrale Rolle. Als Anwältin habe ich gelernt, parteiisch zu argumentieren, aber auch unterschiedliche Perspektiven auszuhalten. Genau das möchten wir vermitteln: für sich selbst einzustehen, für andere einzutreten und sachlich um ein Thema zu ringen.

Demokratie hat mit Emotionen zu tun – mit Respekt, Akzeptanz und der Fähigkeit, Unterschiedlichkeit auszuhalten. In unseren Workshops sollen Kinder spüren, was es bedeutet, wenn jemand anders denkt oder lebt.

Wir arbeiten zu Themen wie Frauenrechte, Meinungsfreiheit, Staatsformen oder religiöse Machtstrukturen. Was bedeutet Diktatur? Was bedeutet Demokratie? Diese Fragen werden nicht nur theoretisch, sondern praktisch erfahrbar gemacht.

Welche Themen und Formate werden im Demokratie-Mobil angeboten?

Unser Themenspektrum umfasst unter anderem Demokratie-Grundlagen, Frauenrechte, Sexismus, Klassismus, Islam und Diversity, Queerness (Einführung und Vertiefung), Medienkompetenz und Fake News.

Wir passen Inhalte sprachlich und methodisch an – von der ersten Klasse bis zum Abitur, ebenso für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie Lehrkräfte. Wir arbeiten mit iPads, Abstimmungstools, Gruppenarbeiten und analogen Methoden. Technik verteufeln wir nicht – wir setzen sie bewusst und reflektiert ein.

Wie sind die Workshops aufgebaut? Unterscheidet sich das je nach Thema?

Jede Klasse ist anders, daher reagieren wir flexibel. Ein zentrales Element sind Rollenspiele und Perspektivwechsel: Schülerinnen und Schüler schlüpfen in unterschiedliche Rollen – etwa bei Familienkonflikten oder politischen Entscheidungsprozessen. So erleben sie unmittelbar, wie sich unterschiedliche Positionen anfühlen. Ergänzend arbeiten wir mit digitalen Abstimmungen, Gruppenaufgaben und Diskussionen. Die Mischung aus Interaktion, Technik und persönlichem Austausch macht den Unterschied.

Handgeschriebene Wortwolke am Fenster mit der Frage "Was an der EU ist demokratisch?" und Notizen zu Menschenrechten, Wahlen und Meinungsfreiheit. © Mernissi-de Gouges Bildungs- & Sozialwerk gUG
Mehrere rosafarbene Tickets mit der Aufschrift "Ticket Demokratie-Mobil" fächerförmig auf einem Holztisch ausgelegt. © Mernissi-de Gouges Bildungs- & Sozialwerk gUG

Gibt es Themen, bei denen Sie merken, dass sie besonders herausfordernd oder interessant sind für Jugendliche und Kinder?

Herausfordernd sind häufig Themen rund um Religion, Islam und LGBTQ+. Manche Schülerinnen und Schüler bringen sehr feste Überzeugungen mit. Gleichzeitig erleben wir immer wieder überraschend offene und differenzierte Diskussionen.

Oft entstehen Schlüsselmomente: Kinder hören erstmals andere Perspektiven im Klassenverband. Lehrkräfte berichten uns regelmäßig, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler ganz neu kennenlernen. Als externes Team können wir Themen teilweise direkter und auch konfrontativer ansprechen. Lehrkräfte hingegen arbeiten täglich mit den Schülerinnen und Schülern und müssen das Vertrauensverhältnis dauerhaft im Blick behalten. Wir kommen, setzen Impulse – und gehen wieder.

Wie messen Sie den Erfolg des Demokratie-Mobils? Gibt es Rückmeldungen aus Schulen, die Sie besonders beeindruckt haben?

Wir erhalten überwiegend sehr positive Rückmeldungen. Viele Schulen buchen uns regelmäßig, manche bereits für mehrere Jahre im Voraus. Besonders berührend sind persönliche Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern – mündlich oder als Kommentare, die sie mit abwaschbaren Stiften im Bus hinterlassen. Diese unmittelbaren Reaktionen zeigen uns, dass wir etwas bewegen.

Welche Rolle spielen lokale Partner – insbesondere Wohnungsunternehmen wie degewo – für die Umsetzung von Demokratieprojekten in den Quartieren und Nachbarschaften?

Demokratie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und findet vor allem im Alltag statt – in Nachbarschaften, Bildungseinrichtungen und Betrieben. Deshalb sind starke lokale Partner wie Schulen, Museen, Kinder- und Jugendeinrichtungen, Geflüchtetenunterkünfte und insbesondere Wohnungsunternehmen entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung vor Ort. Sie ermöglichen den direkten Zugang zu unterschiedlichen Zielgruppen und helfen, demokratische Bildung nachhaltig im Quartier zu verankern.

Wohnungsunternehmen wie degewo tragen darüber hinaus eine besondere soziale Verantwortung für ihre Quartiere und Nachbarschaften. Gemeinsam setzen wir das Demokratie-Mobil gezielt an einer Schule im jeweiligen Einzugsgebiet ein. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Unterstützung, sondern um eine echte Partnerschaft und einen kontinuierlichen Austausch mit Blick auf die Bedarfe vor Ort. Wenn sich dieses Modell bewährt, kann es perspektivisch auch auf andere Regionen übertragen werden.

Was möchten Sie jüngeren Generationen mit auf den Weg geben, wenn es um Demokratie und gesellschaftliches Engagement geht?

Ich wünsche mir, dass junge Menschen ihre Leidenschaften entdecken und sich einbringen – im Ehrenamt, in Initiativen, Vereinen oder Parteien. Demokratie lebt vom Mitmachen, nicht nur vom Wählen.

Seid mutig, euren eigenen Verstand zu benutzen. Entwickelt eure eigene Meinung, hinterfragt Informationen, prüft Fakten. Kritisches Denken ist zentral. Es geht nicht darum, unsere Meinung zu übernehmen, sondern eine eigene zu entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch!